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mit dem Rücken zur Wand

Einfach mal so entschieden …


Der Winter ist längst vorbeigezogen und der Frühling hat dem Sommer den Weg geebnet. Endlich ist es soweit: Je wärmer es wird desto besser kann ich mich bewegen. Ich kann öfter die Wohnung verlassen ohne gleich zu erstarren weil meine Muskeln zum Erliegen kommen. Mein Leben in der Gesellschaft blüht auf und ich freue mich auf die nächsten wenigen Monate bis ich meine Freizeit wieder nur zu Hause verbringen kann, weil es draußen zu kalt für mich ist. Die Anzahl der Möglichkeiten mich besellschaftlich zu betätigen und meine Freizeit besser zu gestalten steigt. Ich denke immer mehr darüber nach was ich alles tun könnte und ob dafür genug Zeit ist. Doch die Realität holt jeden irgendwen ein: Dutzende Briefe von Behörden, Staatsanwalt, der Polizei, meinem Steuerberater, der Krankenkasse, der Berufsgenossenschaft, von meinem Arbeitgeber und diesmal auch von meinem Vermieter flattern in meinen Postkasten.

Ich lasse den Brief von meinem Vermieter, der größten Wohnungsgenossenschaft der Hauptstadt meines Bundeslandes, von meinem Assistenten öffnen und beginne zu lesen. Zunächst einmal überfliege ich den Brief nur oberflächlich um einen groben Überblick über den Inhalt zu erhalten. Ich erkenne, dass es um die Reparatur/Sanierung der Aufzugsanlage in meinem Wohnblock geht und beginne aufmerksamer zu werden. In den letzten zwei Jahren war der Aufzug (der einzige Aufzug für über 30 Mietparteien) immer öfter kaputt. Es ist nicht nur unschön, sondern für jemanden wie mich, der im Winter fast nur drinnen verbringen muss, gleichzeitig aber voll berufstätig ist und im Rollstuhl sitzt, einfach unzumutbar. Aber gut, die Reparaturen verlaufen zügig und zumeist funktioniert der Fahrstuhl innerhalb weniger Stunden wieder wie gehabt. Doch damit sei Schluss - so der Vermieter. Die Aufzugsanlage muss komplett ausgetauscht werden und die Reparaturen, die dafür nötig werden, sollen voraussichtlich ungefähr einen Monat dauern. Mir wird die Situation im Brief alternativlos beschrieben. Eine kleine Anmerkung für eine Mietminderung unbekannter Höhe für die Unannehmlichkeiten gibt es dann doch noch. Und je länger ich über den Text streife und den Inhalt verarbeite, desto mehr wird mir bewusst: Hier hat man sich keine Gedanken als Vermieter über den Teil der Mieterschaft gemacht, die auf den Fahrstuhl tagtäglich angewiesen sind.

Nachdem der Brief mehrere Male durchgelesen wurde, habe ich noch am selben Tag den Vermieter am Telefon. Dort bekräftigt man, dass man sich über die Konsequenzen im Klaren sei und dass man sich um eine Lösung des Problems kümmern wird. In den folgenden Wochen meldet sich mehrmals der Sozialdienst meines Vermieters um mehr alternative Wohnungen/Unterkünfte anzubieten. Um es kurz zu machen: Nach ungefähr zweieinhalb Monaten konnte ich mich bisher nur eine einzige Wohnung anschauen die mir angeboten wurde. Sie ist ungefähr halb so groß wie meine eigene Wohnung, keine Möbel und ist aufgrund der Größe sehr beengt. Ich kann aus keinem einzigen Fenster hinausschauen da die Berüstungshöhe der Fenster zu hoch und die Anzahl der Zimmer natürlich ebenfalls verringert ist. Der Fahrstuhl in dem Gebäude fällt nach Angaben der dortigen Mieter öfter aus als mein aktueller Fahrstuhl in meinem Wohnblock. Das Umfeld kommt dem eines Gettos nah. Ich fühle mich unwohl. Mein Vermieter bietet mir an meine eigenen Möbel in die alternative Wohnung zu bringen sowie jeweils auf- und abzubauen. Die Wohnung ist auf keinen Fall barrierefrei und entspricht auch nicht dem Qualitätsstandard meiner Wohnung. Wer kommt für Schäden beim Umzug auf? Wird mir ein schneller Internetzugang für mein Home-Office gewährt und garantiert? Wer kommt für eventuelle Verdienstausfälle auf? Wo sollen meine Assistenten schlafen? Es fehlt ein Zimmer. Wer übernimmt die Nebenkosten und die Grundmiete meiner aktuellen Wohnung? All diese Fragen bleiben unbeantwortet.

In ungefähr einer Woche muss ich zur Rehabilitation. Danach - 4 Wochen später - sind es nur noch knapp drei Wochen ist der Aufzug ausgebaut werden soll. Innerhalb dieser drei Wochen hatte ich aber schon langfristig mein Urlaub geplant. Im Endeffekt bleiben mir also nur noch die folgende Woche und ungefähr zehn Tage nach meiner Reha um die Sache zu klären. Ich war in fünf Hotels und habe mir Angebote einholen wollen dort für einen Monat unterzukommen. Bis jetzt Fehlanzeige. Ich benötige viel Platz, ein barrierefreies Bad und die Möglichkeit mich versorgen zu können. Weder die Suiten noch die barrierefreien Zimmer sind durchgängig frei. Mein Vermieter möchte den Aufzug in dem Monat ausbauen, in dem es in der Stadt vor Konferenzen nur so wimmelt. Nach Aussagen der Hotels hätte ich ein Dreivierteljahr vorher anfragen müssen. Doch da wusste ich es noch nicht.

Die Quintessenz aus der Geschichte ist: Es wirkt auf mich so, als wären die Konsequenzen der Entscheidungen meines Vermieters für mich als Mieter völlig irrelevant. Entweder ich werde vier Wochen in meiner Wohnung eingesperrt leben müssen - natürlich auch mit dem Hintergedanken, dass der Fluchtweg für mich nicht gesichert ist - oder ... Keine Ahnung. Es stellt sich wirklich für mich im Moment alternativlos dar. Die Hotelrezeptionisten heben einfach die Hände und sagen Entschuldigung und der Vermieter verhält sich ähnlich. Ich glaube, dass ich dazu nicht mehr sagen muss.